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Das Bild der Landschaft In
muschelförmiger Talenge, auf der Nordseite eines nach Süden sich öffnenden, weitgeschwungenen Bogens der Mittelmosel, ausgespart von der Bergkette, liegt Ürzig.Wahrzeichen des reizvollen Landschaftsbildes ist die
wuchtige Bergkuppe der Urlay, die ihr Antlitz, die an die schroffe Felswand geheftete alte Sonnenuhr, genau südwärts gerichtet, der Sonne und den südlichen Winden zukehrt. Erstaunlich, wie klein der Ort in der alten,
das heißt vornapoleonischen Zeit gewesen ist. Er reichte vom Pferdsweg, Haus Christoffel, bis zum Zehnthof der Trierer Kurfürsten, heute Hotel, und war nach Norden hin mit Haus Binge schon zu Ende. Denn die heutige
Bergstraße gibt es erst Seit 1838. Bis dahin führte nur die steile Altenbergstraße zur Moselhöhe. Auf ihr bewegte sich, unbequem genug, der gesamte Verkehr von Mensch und Vieh zum Acker- und Wiesenrand auf der Höhe.
Auch eine Straße an der Mosel entlang gab es bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht. Nur ein “Leinpfad” und parallel mit ihm der “Rittweg” für die Schiffe ziehenden Pferde der ,,Halfen" dienten dem regen
Flußverkehr der alten Zeit. Die beiden Wege sind in der heutigen Uferpromenade aufgegangen. Erstaunlich auch, wie viele Einwohner der enge Raum des Ortes in alter Zeit behausen konnte. Zum Beispiel 1852 waren es 997,
also so viele wie heute, obwohl doch die beträchtlichen Ortserweiterungen und neuerdings die große Ansiedlung auf der Hubertushöhe zu Alt-Ürzig hinzugekommen sind.
Aus der Frühgeschichte Kein Wunder, daß an dieser günstigen, von schützenden Bergen umrahmten Moselstelle sehr früh, sicherlich
bereits in vorrömisch-keltischer Zeit, eine Siedlung entstand. Ihren Notwendigkeiten dürfte vornehmlich auch die 1975 auf dem Burgbergkopf über Ürzig angegrabene keltische Fluchtburg gedient haben. Auf eine vorrömische
Siedlung weist auch der römisch-keltische Name Ursiacus in einer Schenkungsurkunde von 690 hin, das heißt ,,Hof des Ursus". Sie gibt eine der ältesten datierten Ortsangaben nach der umwälzenden Zeit der
Völkerwanderung, die kaum schriftliche Zeugnisse hinterlassen hat. Nach dieser Urkunde hat Adela, die Tochter des fränkischen Königs Dagobert II. (676 - 679) ihre Besitzungen zu Ürzig, die sicherlich aus Weinbergen
nebst Hofsteile bestanden haben, dem von ihr gestifteten Jungfrauenkloster zu Pfalzei bei Trier geschenkt. Das fränkische Königshaus war also recht früh schon in Ürzig begütert. Der Name des Ortes wandelte sich zu
Urcechon (ca. 873), Urziche (a. 1056), Urcecha (a. 1103), Urcetum (a. 1272). Einen Hinweis auf die recht frühe Christianisierung und damit auch auf das hohe Alter von Ürzig gibt die Wahl seines Kirchenpatrons, des hl.
Maternus. Er war einer der ersten Glaubensboten an der Mosel und soll um 128 gestorben sein. Die wenigen Maternuskirchen, die es im Trierer Sprengel gibt, sind sicherlich recht frühe Gründungen. Unter ihnen aber ist
nach der neuesten Forschung (Eugen Ewig) die von Ürzig wohl die älteste. Die Burgen und der Ritteradel
Drei Burgen gehörten im Mittelalter zu Ürzig. Heute kann nur noch von einem Burgrest gesprochen werden, der die Sonnenuhr trägt. Die eine, von der
gar nichts mehr übriggeblieben ist, nicht einmal die Kenntnis ihres Standortes, muß im Dorf selbst gelegen haben. Der designierte Erzbischof Kuno wurde in ihr gefangengehalten. Ein Visltationsbericht über die
Pfarrkirche von 1620 kennt sie noch als bewohnt und nennt sie “Urtzburg”. Sie war der Stammsitz eines alten Geschlechtes, das mit Theoderich Urcecha i. J. 1103 und mit Friedrich de Urcecha 1. J. 1158 in Trierer
Bischofsurkunden auftritt, dann aber wohl früh ausgestorben ist. Auf einem Bergvorsprung der Urlay, links von der heutigen Sonnenuhr, ragte die Burg Orley aus den Felsen hervor. Auch sie ist vom Erdboden
verschwunden. Ihre Trümmer haben sich nach der Zerstörung durch den Trierer Erzbischof Arnold II. von lsenburg (1243-1259) in den Schiefer der Weinberge, aus dem sie erbaut war, zurückverwandelt. Sie war der
Stammsitz des Adelsgeschlechts von Orley, dessen erster urkundlich erwähnter Namensträger ein Hermann, Kämmerer von Orley, war. Das lange blühende Geschlecht starb im 17. Jahrhundert aus. Auf der Urlay hatten sie als
Burgmänner des Erzstifts gesessen. Der niederländische Maler Bernaert van Orley (1495-1542) soll nach neuerlichen Forschungsergebnissen ein Abkömmling des Ürziger Stammes sein. Die Ritter von Orley führten in ihrem
Wappen zwei rote Pfähle im goldenen Feld. Rot ist die Lokalfarbe der Ürziger, die mit dem Beinamen ,,Rotschwänzchen'” gehänselt werden. Es dürfte sich, wie das Rot im Wappenschilde derer von Orley, von der in hellem
Ziegelrot schimmernden Färbung her schreiben. Durch die sich die Felsen des Ürziger Berges, von Lehm und Buntsandstein durchsetzt, gegen Grün der Reben abheben. Nur von der dritten Burg “zur Leyen” ist ein
kümmerlicher Rest, der an den ausgehöhlten Felsen angebrachte Wachtturm, übriggeblieben, der mit der Sonnenuhr heute geschmückt ist. Zwei große düstere Räume sind hinter dem Turmgemäuer in den Berg eingegraben. Die
eigentliche Burg hat über dem Felsen gestanden. Etwa 15 m hinter der Felskante sind im Jahr 1870 die Reste eines ihrer Türme abgebrochen worden. Noch heute heißt die Weinbergslage dort “Hinter dem alten Tor”Das
Geschlecht derer von der Leyen, das “in dem Huse zu der Leyen uf der Musele gelegen” saß, taucht gegen Ende des 12. Jahrhunderts in den Urkunden auf. Sein mit Kreuzchen bestreutes Wappenschild zeigt einen Arm, der einen
Ring hält. Im Jahre 1520 ging der verlassene Berghorst, “die Behausung zu der Leyen bei Urtzig gelegen”, in den Besitz des Ritters Otto von der Neuerburg über. Die Gemeindeordnung und Gerichtsbarkeit Die Ürziger, die eine Zeitlang an der
Unabhängigkeit des sogenannten “Kröver Reichs", eines alten merowingischen und karolingischen Königisgutes, Anteil hatten, sprechen in ihrem “Schöffenweistum” (“gewiesenes” Recht) von 1568 (Grimm II, S.364) voll
Stolz von “der Ürziger hochheit, freyheit unde gewohnheit”. Ihr Schöffensiegel aus dem 15. Jahrhundert zeigt auf dem Schild zu Füßen des hl. Kirchenpatrons Maternus den zweiköpfigen Reichsadler. Ihre Schöffen mit dem
von der ganzen Gemeinde gewählten Zender (Ortsvorsteher, von lat. centenarius) an der Spitze hatten auch in Kriminal- und Blutsachen zu richten und zu strafen. Ein Pranger war noch vor dem alten Rathaus zu sehen, das
1898 abgerissen und durch ein neues in nachgeahmtem Fachwerk ersetzt wurde. Die Ürziger erfreuten sich auch eines freien Jagdrechts. Das Weistum von 1568 sagt: ,,Es gebrucht sich (ist Brauch) der Zender (bedient aich)
von wegen der gemeinden des vals (der Walze), des schwert und des feuers, desgleichen der roden (Rute) also auch des Strangs, doch keines galgens, besonder anstatt des galgens gebrucht man sich zweyer beum, über welche
man auch ein andern baum oder sonst ein groß starck holtz legt, und wird also der Dieb daran gehangen." Und dies nicht nur auf dem Papier So wurde unter dem Zender Peter Berres 1556 ein Dieb auf diese Weise
hingerichtet. Der Appell ging an den Amtmann zu Wittlich. Der Oberhof der Abtei Himmerod - genannt Schadtberg - hatte ein besonderes Weistum (von 1565, bei Grimm II, 5.361) ebenso ihr Fraishof. Im Jahre 1731 besaß
Himmerod drei Teile des Freishofes, die es von den von Berg zu Dürfenthal, Herren zu Seinsfeld, erworben hatte. Bis etwa 1900 wurde alljährlich am Donnerstag nach Ostern in Ürzig ein Kram- und Viehmarkt abgehalten.
Bis zur gleichen Zeit hatte auch der Amtmann des Bezirks seinen Sitz in Ürzig. Es hat ihn dann auf- und nach Kröv abgegeben, weil es das notwendig gewordene neue Amtshaus nicht bauen wollte. Sammelpunkt geistlicher und ritterschaftlicher Weinhöfe Die
Weinbergsfläche von Ürzig ist nicht groß, nur 60 ha. Aber immer hat es am Besitz der Nachbarn von jenseits der Mosel, Erden und Rachtig, beträchtlichen Anteil gehabt. Auch dieser wurde von Ürzig aus bebaut. Im Lauf der
Jahrhunderte erwarben über 20 Klöster und geistliche Institutionen sowie zahlreiche weltliche Grundherren Weinbergsbesitz in Ürzig durch Kauf, Tausch, Vererbung und fromme Schenkung. Sich mit Vorliebe in Ürzig
heimisch zu machen, lag wohl daran, daß der dortige Wein, der zumeist an südwärts gerichteten Hang- und Steillagen wächst, einen so guten Ruf hatte. Bei dem ständigen Besitzwechsel der Fremdherrschaften durch die
Jahrhunderte hindurch dürften etwa vier auswärtige Weinhöfe gleichzeitig vorhanden gewesen sein. Sie in Erinnerung zu rufen, gibt eine Vorstellung von der Anziehungskraft, die Ürzig auf fremde Grundherren ausgeübt haben
muß. Es waren von der Mosel: die Klöster von Machern, Filzen und Pfalzel; aus Trier: die Abtei St. Maximin, das Domkapitel, die Jesuiten (heute Priesterseminar) und das Clementinische Seminar;
aus Eifel und Hunsrück: die Abteien Himmerod, Springiersbach, Helenenberg, Steinfeld, St. Thomas, Kerpen, Sponheim; aus Köln: die Klöster St. Kunibert, St. Georg, Deutz und St. Lucia im Filzengraben;
aus Luxemburg: die Abtei Echternach; aus den Niederlanden: St. Jacob in Lüttich' vom Adel: der Graf von der Leyen, der Graf von Manderscheid, die Zant von Men zu Lissingen,
die von Metternich zu Burscheid, die von Gressenich Am längsten haben St. Maximin, Himmerod, Springiersbach und das Priesterseminar an ihrem Ürziger Weinbergsbesitz festgehalten. Von St. Maximin
berichten uns seine Urkunden und Weistümer, daß es 1214 das Rebland der Abtei Kerpen kaufte, daß es 1281 in Ürzig ein Kelterhaus baute, daß seine Wingerte hinter Mahsberg (Maxberg), in der Fischerei, im Kram, auf Kiesel
und in der Grube lagen und daß es 1695, also nach den Abgängen, zumal im Dreißigjährigen Krieg, immer noch rund 15000 Stöcke hatte. Himmerod wußte, nachdem Abt Conrad III. (1237-1255) einen größeren
Weinbergsbesitz in Ürzig erworben hatte, diesen im Laufe der Zeit, da die weitab liegenden Klöster ihren Grundbesitz nach und nach abstoßen mußten, beständig zu vergrößern. Im 18. Jahrhundert besaß es zwei Höfe in und
bei Ürzig, und zwar den Fraishof und den Hof Schadtberg. Der heutige Mönchhof wurde auf dem Gelände von Himmerod nach Abriß der Kapelle 1823 erbaut. Springirsbach hat sich erst in späterer Zeit und ebenfalls mit dem
Rückzug der entlegenen geistlichen Grundherren in Ürzig kräftig ausdehnen können. Davon zeugt noch, nachdem kürzlich die Nachfolge, das Hotel Selbach, abgerissen wurde, das prächtige Haus B. Loosen (H. Müller).
Die Weinberg-Lagenamen Bei der vom Deutschen Weingesetz von 1971 eingeleiteten Flurbereinigung der Weinlagenaman hat sich Ürzig für den Würzgarten als Einheitsnamen entschieden. Damit sind aber die
vielen alten Weinbergnamen nicht abgeschafft. Sie erfüllen nach wie vor den Zweck ihrer Entstehung, nämlich die zahllosen, ohne Nähte ineinander verzahnten Weinbergparzellen kenntlich zu machen. Es sind einzigartig
lebendige, mit der Geschichte des Weinort verwachsene Wortgebilde, in denen sich winzerlicher Volksgeist phantasiereich und lebensecht ausspricht. Beginnen wir mit dem Würzgarten! Der Name bezieht sich
auf ein bis ins 17. Jahrhundert üblich gewesenes Zubehör zum Weinbau, den Gewürzkrautgarten. Die herben Gewächse der alten deutschen bis weit in den Norden vorgeschobenen Rebengelände aus geringen, unveredelten
Rebsorten bei unzureichender Kellerbehandlung waren doch einer Nachhilfe an Süße und Würze sehr bedürftig. Die dazu verwendeten Weinkräuter wurden in einem besonderen “Würzgarte” angepflanzt. Der Ürziger
scheint nicht in dem nach ihm benannten Weinberg am Hang, sondern im ebenen Gartengelände am Moselufer gelegen zu haben. Dort hat er wohl nach einer Urkunde der Abtei Echternach aus dem 13. Jahrhundert ihrem Lehnswinzer
namens “Wurzegart” gehört, dessen Berufsname sich auf seinen Lehnsweinberg übertragen hat. Auf den Schieferboden der Weinberge beziehen sich die Namen mit Lay oder Ley, das mit altgriechisch läas = Stein urverwandt ist
und gallorognanisch laia lautete. Es sind: Urlay, Kranklay, Michelslay, in den Layen, Schwarzlay. Die Bodenmischung von Schiefer, Lehm und einem Durchschuß von Buntsandstein aus der Eifel her hat dem
Ürziger Rebengewächs die ihm eigene Note, seine Blume und seinen Bodengeschmack gegeben. Das Farbbild hat sich sogar in den Weinbergnamen niedergeschlagen - In Grauberg, Grünewingert, Schwarzlay, Kram- (= Scharlachberg)
und Goldwingert. Ein wichtiges Ereignis auch in dem Weinort Ürzig war die Erweiterung seiner Rebfläche durch Rodung von Wald und Lohhecken. Davon erzählen noch die Lagennamen: Im Wüsten, der Reder, der von Roden
kommt, und der Neuberg. Die Neugewinnung von Rebenboden In viel früherer Zeit halten auch die aus dem Lateinischen kommenden Lagenamen Pichter, Plentel und Plentsch wach, die an anderer Stelle zu erklären sind. Auch
manche alten Weinklöster leben in Lagenamen fort. Der Thummesberg hält das Andenken an St. Thomas in der Eifel wach, der Mahs- oder Maxberg das der Trierer Abtei St. Maximin. Und die schönen theologischen Wingertsnamen
Altar, Chor, Rosenkranz erinnern an die Tage, da der Krummstab herrschte. Auch Tiernamen sind in Ürziger Weinlagen stark vertreten, und zwar ausschließlich solcher Tiere, die dem Weingott Bacchus geweiht
waren. Wir haben hier einen Geißberg, einen Bock-, einen Hahnenberg, einen Esel-, einen Hasenpfad. Sie alle waren Symbolfiguren des fruchtbarkeitsdämonischen Rebengottes. Darum heißt noch heute in Ürzig das
Weinlesedankfest der “Hahnenfang”. Der tiefere Sinn, der in diesen Tiernamen liegt, bezeugt ihr hohes Alter. Das gilt deutlicher noch für die Lagenamen lateinischer Herkunft. Da steht an der Spitze die
Kranklay, von grande Lay = Großlay. Pichter kommt wohl von pelitura das zu Gewinnende, das heißt das einer Weinbergshufe zur Rodung zugeteilte Wildland. Plentel und Plentsch leiten sich von (vinea) planetaria her das
heißt ein nach einem bestimmten Aufteilungssystem angepflanzter Wingert. Das seltsame Kevermännchen, alturkundlich Kièvermontgen verrät uns, daß die im 9. Jahrhundert in Ürzig begüterte Abtei St. Jacob in Lüttich nach
ihrem Weinberg daheim, der in caprea monte, französisch Chävremont (= Geißberg? hieß, ihren in Ürzig benannt hat. Weinlagennamen, die sich nicht in eine Gruppe einordnen lassen, sind Urglück, Michelsripp,
Fischerei, Bart. Das kirchliche Leben Aus dem Jahre 873 wird berichtet, daß die Ürziger Kirche Zehnten vom St.-Kunibert-Stift in Köln bezog. Der stattliche gotische Kirchturm, der aus der Horizontalen als spitzer Akzent emporstrebt, stammt
aus dem 14. Jahrhundert. Auf der Ürziger Höhe am Beginn der Römerstraße steht eine St. Hubertus geweihte formschöne Kapelle von 1667 Pfarrherr in Ürzig zu sein, schätzte sich 1620 ein Trierer Domdechant glücklich. Bezog
er doch 6 Fuder jährlicher Weinrente. Der Schulmeister erhielt aus jedem Winzerhause 1 Sester Wein (1656). Aus mittelalterlichen Tagen haben sich die Ürziger ihre beiden Bruderschaften bewahrt, die des hl.
Nikolaus, des Patrons der Moselschiffer, der an der Urlay eine Kapelle hatte, und die des hl. Sebastian. Die alte gotische Kirche wird 1620 noch als in guter Verfassung bezeichnet. Allmählich baufällig
geworden, ist sie dann 1866/67 in einer Zeit gesunkenen Stilgefühls von Bauinspektor Dailmer in nachempfundener Gotik neu errichtet worden. Ürzig hatte stets neben dem Pastor auch noch einen Frühmesser,
und beide waren mit einem kleinen Weingut ausgestattet. Die Fachwerkhäuser Ürzig besitzt eine Reihe prächtiger Fachwerkhäuser. Auf dem kurzen Gang von der Kirche bis zum Rathaus genießt man im Anblick der Häuser Melcher (1607), Derkum, Ratskeller
(1588) und des Nebenhäuschens des Rathauses eine Fülle von ergötzlichen und grotesken Spielereien, die sich die handwerkliche Schnitzkunst auf den Fensterrahmen und Türen dieser alten, windschiefen Häuser geleistet hat.
Mag immer im natürlichen Verfall und leider auch aus mangelnder Ehrfurcht für die Werte der Vergangenheit vieles dahingeschwunden sein, was noch zu retten gewesen wäre, so viel ist zum Glück noch da, daß Ürzig sich
darin mit anderen Weindörfern an der Mosel messen kann. Streifzug durch die Weingeschichte von Ürzig Den Dreißigjährigen Krieg scheint Ürzig glimpflich überstanden zu haben. Denn es wurde, wohl zum Dank dafür, ein Kreuzweg mit den
14 Stationen entlang dem Rederweg errichtet. Auf den nur noch spärlichen Resten waren vor dem 1. Weltkrieg noch der Name des Stifters, Knichel, und das Jahr 1648 zu erkennen. Auch an der Franzosennot der Jahre 1687 -
1697, als Ludwig XIV. die Festung Mont-Royal über Traben mit dem Schweiß der zum Frondienst gepreßten Bewohner der Umgegend erbauen ließ, halte Ürzig seine Anteilslast zu tragen. Die Französische
Revolution von 1789 fegte die alte Trierer Kurfürstenherrlichkeit hinweg. Kurz vorher aber hat sich Kurfürst Clemens Wenzeslaus an der Mosel noch ein schönes Erinnerungsmal gesetzt. Von Staats wegen verbot er 1787, noch
weiter die ,,Rheinischen Trauben”, ein Sortengemisch von schlechter Qualität, zu pflanzen. Damit war dem vortrefflichen Riesling der Weg zu seinem Siegeszug freigemacht. Bisher galt als älteste Nachricht des
Rieslinganbaus an der Mosel seine Erwähnung im Jahre 1562. Damals sollte die Neubepflanzung eines Weinberges bei Trittenheim auf Geheiß des Trierer Erzbischofs Johann von der Leyen mit “guten Roßlingstoecken” erfolgen.
Indessen wurde 1980 durch den Trierer Historiker M. Matheus in den Rechnungsbüchern des Trierer Jakobshospitals aus dem Rechnungsjahr 1464/65 die Mitteilung entdeckt, daß der Hospitalmeister 1200 ,,ruesseling
reben" für 2 Gulden gekauft hatte. Die Rieslingrebe war also schon in der Mitte des 15. Jahrhunderts an der Mosel heimisch. Da er nach dem Historiker Johannes Hofmann 1869 in Trarbach und Umgegend bereits weit
verbreitet war, dürfte das auch für Ürzig gelten. Am 11. März 1797 wurden die Feudallasten und Zehnten im Kurstaat Trier aufgehoben, Lind von 1803 ab kam der gesamte kirchliche Grundbesitz auf Befehl
Napoleons unter den Hammer. Nach ,,Eiflia illustrata" wurden die folgenden geistlichen Besitzungen in Ürzig versteigert: am 24. Juni 1803 das kurfürstlche Haus für 110 Thaler, am 13.
November 1803 ein Kelterhaus mit Bering, das der Domkirche und dem Grafen von Manderscheid gemeinschaftlich gehörte, für 133 Thaler, am 20. Juli 1804 das Haus der Abtei Himmerod mit Gärten und Bering für 293 Thaler
und ein Kelterhaus nebst Garten der Abtei Deutz für 300 Thaler, am 21. Februar 1806 das Haus des Stifts Springiersbach mit Kelterhaus und Bering für 1 800 Thaler, am 22. Dezember 1807 die Güter des Klosters Helenenberg
für 573 Thaler. Mit dem Übergang des Rheinlandes an Preußen 1816 brach für die Moselwinzer eine neue Zeit an, die ganz andere wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten bot als die vielen vorausgegangenen Jahrhunderte
des eingeschränkten Besitzes und der Lehnsabhängigkeit von geistlichen und weltlichen Grundherren. Der Zollschutz, den Preußen dem Wein gewährte, ließen die vorher erbärmlich niedrigen Weinpreise kräftig
ansteigen. Aber die gute Zeit war schnell vorbei. Als Preußen 1828 mit den übrigen Bundesländern den “Zollverein” abschloß, drückten alsbald die Weine der anderen deutschen Rebengebiete auf die Preise, und das alte
Elend ging wieder um. Die entmutigten Ürziger Bürger erhofften sich dann von der Revolution des ,,tollen Jahres" 1848 eine Besserung. Mit Sensen bewaffnet zogen sie nach Wittlich, um einen Kaiser zu küren. Tief
enttäuscht kehrten sie heim. Die Not der 50er Jahre, der Hungerjahre an der Mosel, als viele, auch einige aus Ürzig, nach Amerika auswanderten, wurde so groß, daß der Wittlicher Landrat von Forster an die Regierung nach
Trier berichtete, die Mosel sei ohne Zweifel der bedürftigste Teil der Rheinprovinz. Am 29. Juli 1852 berief er eine Winzerversammlung der Orte Ürzig, Kinheim, Kröv und Reil nach Ürzig ein. Es wurde beschlossen, nach
den Finanzierungs- und Weinverbesserungsvorschlägen von Dr. Gall aus Trier, eines wahren Nothelfers der Mosel, Winzergenossenschaften zu gründen. Er wollte durch seine neue Methode, die Naßverbesserung, wie er sagte,
“den häufigen, unmäßigen Genuß des geringen, fast unverkäuflichen Weines und somit das Laster der Trunksucht bei der Mehrzahl der Einwohner ausrotten". Damit war über den Grad der Winzernot alles gesagt. Von 245
Ürziger Winzern haben dann 94 mit etwa der Hälfte des Weinbergsbodens der Gemarkung 1856 die erste Winzergenossenschaft gegründet. Der Versuch scheiterte jedoch, da es nicht gelang, den Weinabsatz zu heben. Noch 1859
lagerten 12 Fuder, die zu jedem Preis losgeschlagen werden mußten. Der wirtschaftliche Aufschwung nach der Reichsgründung von 1871 kam auch den Moselwinzern zugute. Die vorzüglichen Jahrgänge von 1874 und
,75 und mehr noch die von 1893 und 95 brachten den Moselwein geradezu in Mode. Im 20. Jahrhundert verlief dann das Weingeschehen in Ürzig im Gleichklang mit dem an der Mittelmosel. Vom Charakter der Ürziger In der Beschreibung des Amtes Wittlich,
auf Anordnung des letzten Trierer Kurfürsten 1786 gefertigt, steht über die Ürziger zu lesen: ,,Die dasigen Einwohner sind sehr arbeitsam, zugleich aber etwas frech und halsstarrig" Eine subjektive und wohl
gereizte Charakteristik eines Bürokraten! Wenn er die gegen unnötigen Amtszwang aufbegehrende Eigenwilligkeit des alten, freiheitsgewohnten Ürziger Bürgerstolzes meint, mag er nicht ganz unrecht haben. Aber der Ürziger
Volkscharakter ist eher verhalten und gar nicht draufgängerisch. So hat man es denn z.B. auch versäumt, eine Moselbrücke zu bauen, um sich drüben im Tal auszubreiten statt oben auf seiner Höhe. Ihren Weinbau
betreiben die Ürziger mit “äußerster Sorgfalt und sind sehr stolz auf die Güte ihres Weines. Seit Menschengedenken ist Ürzig frei von Kriminalität. Bei seinerkonservativen Grundhaltung kamen Ehescheidungen erst in
jüngster Zeit und nur sehr selten vor. Viele alte Volksbräuche sind entschwunden, so das Eierticken zu Ostern und die Hochzeitszüge durchs Dorf. Auf einen uralten Brauch, der sich bis zum 1. Weltkrieg
erhalten hatte, ist aber noch besonders hinzuweisen, weil er ein Zeichen von uralter, mit bacchischen Vorstellungen verbundener Weinkultur ist. An Fastnacht, die ja auch aus bacchischer Wurzel entsproß, pflegten die
Burschen einen von ihnen über und über mit Efeuranken zu behängen und mit ihm unter dem Ruf “Hedgesmann" durchs Dorf zu ziehen. Den Efeu, von lateinisch hedera, hatten sie von den Weinbergsfelsen geholt, wo er in
enger Lebensgemeinschaft mit der Weinrebe wächst. Schattenhaft, kühl unfruchtbar und auch im Winter grün, war der Efeu in der alten Mythologie ein augenfälliges Widerspiel zu der sonnig feurigen, freudespendenden Rebe
und darum im Gegensatzsinne ein dem Weingott ebenso wie der Rebstock heiliges Gewächs. Oberörtlich hervorgetretene Bürger von Ürzig Es ist verwunderlich, daß Ürzig in den vielen Jahrhunderten, in denen es doch zeitentsprechend wohlhabend und angesehen war,
keine Persönlichkeit hervorgebracht hat, die sich über den heimischen Wirkungskreis hinaus hervorgetan hätte. Das sollte erst im Laute des 19. Jahrhunderts geschehen, und zwar in der Person des Winzerssohnes Christian
Dieden (1810-1898). Die Winzernot an der Mosel nach der Gründung des “Deutschen Zollvereines” 1828 trieb ihn in die Politik, und er wurde zum eifrigen Kämpfer für die 1848er Revolutionsideale. Nach der Reichsgründung
von 1811 entsandte ihn die Zentrumspartei viele Jahre für den Wahlkreis Wittlich-Bernkastel in den Reichstag nach Berlin, wo er lange Zeit den Ehrenplatz des Alterspräsidenten einnahm. Auch für seine
Heimat machte er sich hochverdient, indem der Kinderlose sein ganzes Vermögen, bestehend aus Wohnhaus, Gärten, Weinbergen, Feldern und Kapital, der Gemeinde Ürzig vermachte mit der Auflage, ein Krankenhaus mit
Schwesternniederlassung, verbunden mit Kindergarten und Handarbeitsschule, zu errichten. Sein Plan wurde jedoch nicht völlig erfüllt. Zu einem Krankenhaus reichten die Mittel nicht, nachdem die Verwandten mit einem Teil
davon abgefunden werden mußten und auch die Regierung nicht dafür war. Aber es kam doch zur Gründung des St. Josefshauses zur ambulanten Krankenversorgung mit Kindergarten und Nähschule; und von 1902 ab konnten
Franziskanerschwestern aus Waldbreitbach dort ihren Dienst verrichten. Vor einigen Jahren wurde das Haus zu einem Altenheim für Frauen erweitert. Da dieses Ürziger Kloster auf dem ehemaligen Grundeigentum der Abtei
Himmerod entstand, sei hier über das Schicksal dieses weitläufigen Besitzes kurz berichtet. Er wurde 1804 von einem Ürziger Bürger Schmitz für 293 Thaler ersteigert und an seine beiden Töchter vererbt.
Deren Männer rissen alle Himmeroder Gebäulichkeiten ab, an deren Stelle sich jeder ein Wohnhaus baute. Der eine mit Namen Johann Berres errichtete nach Abriß der Kapelle den sogenannten “Mönchhof”, der durch die Heirat
seiner Tochter in den Besitz der aus Holland stammenden Familie Eymael kam. Jean Eymael umkleidete 1898 das Gebäude mit üppigen Renaissancefassaden. Der Mann der zweiten Berres-Tochter namens Nicolay baute
sich anstelle des Himmeroder Hauptgebäudes ein Wohnhaus, das sein Schwiegersohn Christian Dieden übernahm und später in seine Ürziger Klosterstiftung einbrachte. Ürzig kann stolz sein auf einen zweiten Winzerssohn,
der es als Gelehrter zu hohen Ehren gebracht hat, den Prälaten Professor Dr. Franz Steffens (1853 - 1930). Er lehrte Kirchengeschichte in Liverpool, Rom und 41 Jahre lang an der Universität Freiburg in der Schweiz und
erlangte Weltruf auf dem Wissenschaftsgebiet der alten Handschriftenkunde (Paläographie), besonders durch sein grundlegendes Hauptwerk “Lateinische Paläographie”, Freiburg 1903, über das der spätere Papst Plus Xl.
urteilte; “Man kann, ohne zu übertreiben, ruhig sagen, daß keines unter den zahlreichen bis heute veröffentlichten Büchern mit diesem des Dr. Steffens es aufnehmen kann.” Schließlich hat der Verfasser
dieser Schrift noch die heikle Aufgabe, als Ürziger Winzerssohn, der sich draußen einen Namen gemacht hat, sich selbst erwähnen zu müssen: Dr. Dr. Karl Christotfel, Oberstudiendirektor a. D. (geb. 1895),
Landtagsabgeordneter von Rheinland-Pfalz und Vorsitzender des kulturpolitischen Ausschusses des Landtags (1947 - 1959) und erster Kreisdeputierter des Kreises Wittlich (1948 - 1969). Er hat sich zudem auch literarisch
betätigt und eine Reihe Werke, vornehmlich über die Kulturgeschichte des Weines und über die Mosel geschrieben und wurde mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik (1959). dem Deutschen Weinkulturpreis (1961) und
vielen anderen Ehrungen ausgezeichnet. Es ist ihm eine Freude, in seinem hohen Alter noch seiner lieben Heimat diesen Überblick über ihre Geschichte widmen zu können. Benutzte Literatur: Karl CHRISTOFFEL, Geschichte des Weinbaues der Abtei St Maximin in Trier vom 7. - 18. Jahrhundert, in: Trierer Heimatbuch.
Festschrift. Trier 1925 Karl CHRISTOFFEL, Die Weinlagen der Mosel und ihre Namensherkunft. Trier 1979 Eitile illustrata, Band 1. Der Kreis Wittlich, Osnabrück 1981
Jakob GRIMM, Deutsche Rechtealtertürner, 2. Aufl. Göttingen 1854 Wolfgang JUNGANDREAS, Historisches Lexikon der Siedlungs- und Flurnamen des Mosellandes. Trier 19G2 ff. Gotttried KENTENICH, Geschichte
der Stadt Trier von ihrer Gründung bis zur Gegenwart, Trier 1915 Jak. MARX, Geschichte des Erzstifts Trier 1856 Ernst WACKENRODER. Die Kunstdenkrnäler des Kreises Wittlich, Düsseldorf 1934 |